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Singen für die Seele

02.08.2010 – Musikgeragogik bringt dementen Senioren im Kursana Domizil Nienhagen Lebensfreude

 

Text: Diana Hass
Foto: Kursana

„Guten Morgen, Frau Schröder. Schön, dass Sie da sind“, singt Brigitte Schönhoff die Begrüßung für die Seniorin. Über deren Gesicht huscht ein Lächeln. Annemarie Schröder* sitzt mit einem guten Dutzend anderer Senioren im Kreis um einen Tisch im Wohnbereich „Wiese 2“ im Kursana Domizil Nienhagen. Das Besondere an diesem Bereich: Alle, die hier wohnen, sind demenziell erkrankt. Infolge von Alzheimer oder einer anderen Alterserkrankung ist für sie die Orientierung im Hier und Jetzt schwierig geworden. Einige der Senioren sind unruhig, andere sind in sich gekehrt. Brigitte Schönhoff möchte ihnen allen Lebensfreude schenken. Die Methode, mit der die Cellerin das bewirken will, nennt sich Musikgeragogik.

An der Fachhochschule Münster hat Professor Hans Hermann Wickel diese Methode entwickelt. In einer rund einjährigen Ausbildung erwarb Brigitte Schönhoff eine Qualifikation. „Ich habe in meiner Arbeit in der Altenpflege gemerkt, wie sehr Menschen auf Musik ansprechen. Als ich dann von der Ausbildung erfahren habe, war mir klar, dass das eine sinnvolle Weiterentwicklung für mich ist“, sagt Schönhoff. Inzwischen hat sie sich als Musikgeragogin selbstständig gemacht und leitet verschiede Gruppen in der Seniorenpflege, aber auch in Kirchengemeinden. Jede Stunde steht unter einem anderen Motto.

Allen Themen ist gemeinsam, dass jeder Teilnehmer Erinnerungen und Erfahrungen mit ihnen verbindet. Durch die Musik kann eine Brücke zu diesen – teilweise durch die Erkrankung verschütteten – Erfahrungen gebaut werden.
„Weil wir gemerkt haben, wie gut das mit der Musikgeragogik funktioniert, haben wir sie zum festen Bestandteil unseres Betreuungs- und Therapiekonzeptes gemacht“, erläutert Direktorin Anke-Bettina Winter.

Heute geht es um den Mai. „Der Mai ist gekommen“, stimmt die Musikgeragogin an. Einige Menschen singen oder summen mit, andere bewegen nur die Lippen. Alle werden lockerer. „Der Mai heißt der Wonnemonat. Grüne Blätter an den Bäumen, duftende Maiglöckchen im Wald. Haben Sie früher auch Maiglöckchen gepflückt?“, zieht Brigitte Schönhoff die Gruppe ins Gespräch. „Die sind giftig“, entfährt es einer Teilnehmerin. „Aber sie duften“, sagt eine andere. Über Maibowle, zahlreiche Pflanzennamen, Erinnerungen an Rhabarberrezepte und Maitänze reichen die Themen, die angeschnitten werden. Fast alle im Kreis steuern etwas bei.

Damit die Senioren offen und locker werden, setzt die Musikgeragogin Bewegung ein: mit den Füßen trampeln, Klatschen oder Aufstehen. Dann kommen Instrumente ins Spiel. Von der roten Decke, die auf dem Tisch ausgebreitet ist, kann sich jeder ein Musikinstrument aussuchen – Triangeln, Trommeln, Schellen, Glockenkränze. Es macht den Senioren sichtlich Spaß, sich musikalisch zu äußern.

Zum Abschluss der Stunde gibt es immer eine feste Verabschiedungsrunde: „Hast du Freude, klatsche in die Hand“, ermutigt die Musikgeragogin. Jeder im Kreis folgt ihrer Aufforderung. Nachdem Brigitte Schönhoff ihre Sachen gepackt hat, freut sie sich: „Ich fühle mich gut nach so einer Stunde. Denn ich weiß, dass ich die Menschen ein bisschen aus ihrer Isolation herausbegleitet habe.“

*alle Namen von der Redaktion geändert

 


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