Den roten Teppich ausrollen
01.03.2010 – Fremde Gesichter, fremde Umgebung. Ein Umzug birgt viel Neues und Neues kann Angst machen, gerade im Alter.
Text: Anne Honisch
Foto: Maria Flor
Um den Senioren das Einleben zu erleichtern, lassen sich die Kursana Häuser einiges einfallen. Im Kursana Domizil in Weiden erklären die Mitarbeiter Zuzügler zu VIPs. Eine Geschichte von neuen Nachbarn, alten Möbeln und Erinnerungen, die immer mit umziehen.
Die Umzugskartons sind längst verschwunden. Die neuen Möbel gefallen ihr gut. Schließlich sind sie mit alten Bekannten gemischt: Der Lebensbaum auf dem gewebten Teppich und der Fernsehsessel sind mit umgezogen. Begleitet von Vasen, Wimpeln und Fotos.
Anita Winkler, Jahrgang 1932, sitzt in ihrem Zimmer im Kursana Domizil Weiden und erzählt. Von ihrem Umzug vor einem Jahr: „Ich habe gestaunt. Eigentlich bin ich jemand, der immer Heimweh hat, dieses Mal ist es mir leicht gefallen.“
Viel Zeit für Heimweh blieb ihr auch nicht. Es galt, einen Nachmieter für die alte Wohnung zu finden, den Umzug zu organisieren, das Zimmer im Kursana Domizil einzurichten, die ersten Pflegetermine wahrzunehmen und vor allem: Die neuen Nachbarn klopften schon an ihrer Tür, neugierig auf Frau Winkler.
„Die ersten sechs Wochen sind schwer und genau da greifen wir ein“, sagt Kursana Direktorin Caroline Kett. Die Mitarbeiter des Hauses investieren viel Zeit und Kraft, um neuen Bewohnern die, wie sie es nennen, VIP-Betreuung zu ermöglichen. Der rote Teppich wird symbolisch allen Neuzugängen ausgerollt und ist gewebt aus der größtmöglichen Unterstützung. Das fängt beim Umzug an, für den ein Transportunternehmen vermittelt wird, und geht weiter beim obligaten Papierkram, beispielsweise Anträge ans Sozialamt, bei denen ein fachkundiger Kursana Mitarbeiter gerne weiterhilft.
Den Hauptteil der VIP-Betreuung machen jedoch keine Formalitäten aus, sondern das große Kennenlernen. Die Pflegekräfte, die Therapeuten, die anderen Senioren, ja, auch die Stadt Weiden – alle wollen kennengelernt werden. Sechs Wochen auf Erkundungstour.
Leben kehrt in die Beine zurück
Die Erkundungstour hat Anita Winkler bereits abgeschlossen. Vor einem Jahr ist sie eingezogen, zuvor hatte sie zwei Wochen in der Kurzzeitpflege zur Probe gewohnt. „Mir hat es von Anfang an gefallen und mein Sohn lebt im Nachbarort, deshalb bin ich überhaupt hier in den Süden gekommen.“ Einmal quer durch die Republik ging ihre Reise, von Heiligenhafen an der Küste bis hinunter nach Weiden, in der Nähe von Nürnberg.
Winkler ist Umzüge gewöhnt. Von Holland flüchtete sie im Zweiten Weltkrieg über Schlesien nach Bayern, viele Jahre und einige Umzüge später landete sie in Heiligenhafen in Schleswig-Holstein.
Gemeinsam mit ihrem zweiten Mann reiste sie durch Deutschland – beruflich. Beide arbeiteten bei Daimler-Benz, sie im Büro, er als Testfahrer. „Ich habe, bis ich nicht mehr konnte, immer eine Mercedes A-Klasse gefahren“, stellt Winkler klar.
Die geliebte A-Klasse musste sie vor drei Jahren aufgeben. Nach dem Tod ihres Mannes begannen ihre Beine zu versagen, schleichend: Erst verweigerte das eine den Dienst, dann das andere. Als Winkler erstmals ins Kursana Domizil kam, war sie bettlägerig, ein Schwerstpflegefall. Rehapflege und die sozialen Kontakte stärken, verordneten die Mitarbeiter, ein Arzt stellte die Medikamente neu ein. Nach den ersten Wochen voller Gymnastik, Gedächtnistraining und veränderter Medikation kehrte Leben in Winklers Beine zurück. Heute kann sie mit Hilfe eines Rollators laufen.
„Irgendwann klopfte eine Nachbarin und fragte, ob ich nicht mit ins Café kommen wolle“, erinnert sich Winkler. „Dass so etwas möglich ist, hätte ich vor meinem Umzug nicht geglaubt. Jetzt machen wir immer die Stadt unsicher – na ja, soweit wir eben kommen“, lacht sie.
Körperliche und seelische Fitness
„Bei Frau Winkler hat unsere VIP-Betreuung voll angeschlagen“, Caroline Kett ist hörbar stolz. Wohlfühlbäder mit ätherischen Ölen, Gymnastik in allen Varianten, Gedächtnistraining und Sturzprävention stünden zwar für alle Senioren auf dem Programm, aber bei Neuzugängen würde eben besonders viel Wert auf die Behandlungen gelegt.
„Wir wollen sicherstellen, dass die Bewohner fit genug sind, um am sozialen Leben teilzunehmen“, erläutert Kett. Damit das erste Kennenlernen leichter fällt, werden im Speisesaal auch schon mal Stühle gerückt: „Wir setzen neue Bewohner zu Senioren, von denen wir denken, sie könnten sich gut verstehen. Und das klappt auch.“
Gemeinsam geht es zu Veranstaltungen im Kursana Domizil und in Weiden. Damit schließt sich der Kreis: „Wenn sich die Senioren wohl fühlen, wenn sie die Atmosphäre hier als familiär empfinden, sind sie seelisch stabilisiert und dann geht auch die körperliche Entwicklung voran“, erklärt Kett.
Erinnerungen ziehen immer mit um
Nach sechs Wochen sind die Zuzügler meist im Alltag angekommen. „Wenn es so bleibt, wie es ist, dann bin ich zufrieden“, sagt Anita Winkler. Inzwischen ist sie aus dem Fernsehsessel aufgestanden, um ein paar Fotos zu holen. Seit zehn Minuten schwelgt sie in Erinnerungen: Jodi. Ein Foto von ihm hängt über dem Bett, eine Plüschausgabe von ihm sitzt darauf und der Lebensbaum auf dem gewebten Teppich soll auch an ihn erinnern.
Jodi war ein Totenkopfäffchen, dass sich Winkler und ihr Mann in den 60er Jahren als Haustier zugelegt hatten. „Wir sind einfach in eine Zoohandlung gegangen und haben den gekauft, damals konnte man das ja noch.“ Kaum zuhause angekommen, verwüstete Jodi als erstes die Wohnung, bevor er beide in die Hand biss, als sie ihn baden wollten. „Mein Mann hat seitdem immer gesagt, morgen würde er ihn in die Zoohandlung zurückbringen. Na ja, und dann hatten wir ihn 14 Jahre.“ Erinnerungen ziehen immer mit um und helfen, dass man sich schneller zuhause fühlt.
Anita Winkler sinniert über die Freundschaften, die sie im letzten Jahr geschlossen hat: „Ich denke, das Schicksal hat uns alle zusammengeführt und ich hoffe auch, dass das noch lange so bleibt.“ Bei aller VIP-Behandlung und bei allen netten Nachbarn schätzt sie aber auch die Grenzen, die sie im Kursana Domizil selbst ziehen kann: „Wenn ich mal meine Ruhe will, mache ich die Tür einfach zu.“
:: zurück zur Übersicht


