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Zwischen Rokoko und finnischem Jugendstil

02.10.2008 – Enten, Enten, Enten. Wohin das Auge blickt, aus Holz, aus Keramik, aus Porzellan.

 

Von Anne Honisch

 

Und mittendrin, in einem schwarzen Ledersessel, sitzt Ursula Ulrich. Warum die ganzen Enten? Auf einem Bauernhof aufgewachsen? „Nein, ich mag sie einfach.“

Die Enten sind weit gereist; aus den USA, aus Afrika, aus China und Indien hat Ursula Ulrich sie mitgebracht, andere hat sie geschenkt bekommen. Manche Tiere sind lebensgroß, bunt bemalt, andere glänzen silbern und durch eine Glasente sieht man hindurch.

Aber bestimmt andere – lebendige – Haustiere gehabt? „Nein, ich weiß auch nicht, Enten gefallen mir halt.“ Also keine Entengeschichte.

Die Wohnung der 87-Jährigen verlangt Aufmerksamkeit: Rokokokommode trifft Biedermeier-Sekretär trifft mittelalterlichen Holzschnitz-Heiligen auf der Anrichte. Auf dem gläsernen Coachtisch stehen Art-Deco-Kerzenständer, daneben liegt eine Dochtschere. An den Wänden drängen sich expressionistische Gemälde und Stiche von St. Gallen.

Überhaupt St. Gallen. Die Stiche an den Wänden sind Stadtbilder aus dem 16. und 17. Jahrhundert, einige alte Landkarten zeigen den Grundriss von Gallusstadt, wie sie damals hieß. In St. Gallen ist Ursula Ulrich geboren und aufgewachsen. Hier lebt sie in der Kursana Residenz, einem Seniorenheim am Rande der Altstadt. Als ihr Mann vor sieben Jahren starb, zog sie aus dem gemeinsamen Haus in eine Wohnung und von dort aus in die Kursana. „Meine Kräfte haben nachgelassen, ich konnte den Haushalt nicht mehr allein bewältigen“ sagt sie. Die Kraft reicht aber, um in ihrem Sessel zu thronen, die Hände im Schoß gefaltet, den Kopf geneigt. Sie lächelt. „Ich habe hier eine Zugehfrau, die mehrmals in der Woche kleine Erledigungen für mich übernimmt.“

Beim ersten Anruf ist Ursula Ulrich gerade beim Mittagessen. Ihre Uhr geht nach den Mahlzeiten. Früh bekommt sie ihre Medikamente, die zweite feste Konstante des Tages. Ansonsten kümmert Frau Ulrich sich um das, was wichtig ist: sich selbst. „Ich lese, telefoniere, schreibe Briefe, spiele Karten und treffe mich mit anderen Bewohnern.“ Sie überlegt. „Morgen bin ich auch verabredet.“ Ihre Tochter kommt zu Besuch; die Kinder und Enkel sind über die ganze Welt verstreut. „Die leben in der Schweiz, in den USA und eine in Rom.“ Die Familie lächelt an den Wänden.

Ursula Ulrich hat auf der Mittleren Handelsschule Diplomkauffrau gelernt und bei einer St. Galler Textilfirma gearbeitet. Dann fing sie bei ihrem Mann im Büro an; die Ulrich AG produziert chirurgische Instrumente und beliefert Krankenhäuser und Ärzte. Gegründet hatte die Firma ihr Schwiegervater, ein Schwabe, der in die Schweiz emigriert war. Heute leitet ihr Sohn Christoph das Unternehmen in dritter Generation. Die Firma hat expandiert und neben St. Gallen produziert sie auch in Süddeutschland, mehr als 4500 verschiedene Instrumente sind es inzwischen.

Besucht sie ihre Familie im Ausland? Jetzt nicht mehr, Ursula Ulrich kennt das alles; sie und ihr Mann haben mit dem Swiss Air Club, dem Reiseclub der Fluggesellschaft, die Welt umrundet. „Die haben für uns verschiedene Arrangements zusammengestellt.“ Die ganze Welt? „Aber ja. Australien, Neuseeland, Indien, Kapstadt, Bali, USA. Aber auch mal das nähere Ausland, also Europa. Einmal waren wir in Finnland, da hat mein Mann diese wunderbaren geschliffenen Gläser mitgebracht.“ Finnischer Jugendstil teilt sich mit Enten eine Vitrine.

Viele der Antiquitäten, die ihr Mann gesammelt hat, sind nicht in die Kursana Residenz mit umgezogen. Ursula Ulrich hat sie ihren Kindern geschenkt. Sie hat sich zu einem Stuhl im Flur getastet und hingesetzt, schräg gegenüber steht ein Rollator. An der Schrankwand prangen Spiegel, sie wirft einen Kontrollblick hinein. Und wieder thront sie und lächelt.

 


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