Spüren, wie das ist, wenn das Essen mit dem Löffel gereicht wird – das war eine von vielen Übungen beim Selbsterfahrungskurs im Kursana Domizil.

 
09.01.2026

Selbst erlebt, fühlt es sich anders an

In sozialen Berufen und da vor allem in der Pflegebranche spielen Fürsorge und Empathie eine große Rolle. Das Team des Kursana Domizils Bruchköbel hat sich in einem Fortbildungsseminar mit dem Alltag der Senioren und deren Bedürfnissen beschäftigt. In Selbsterfahrungsübungen wurden Situationen der Bewohnerinnen und Bewohner nachempfunden, um sie durch das eigene Erleben besser zu verstehen.

Bruchköbel. Theoretisch sind den Fachkräften des Kursana-Teams die ver-schiedenen Situationen im Alltag der Senioren bekannt. Sie wissen, dass manchen das Essen im Alter schwerfällt, dass der eine schlecht hört, die andere kaum noch etwas sieht, dass Einschränkungen in der Mobilität verunsichern können, dass Fürsorge und Unterstützung auf Vertrauen basieren. Doch Wissen ist nicht Mitfühlen. Empathie entsteht nicht allein durch Bildung, sondern viel mehr durch Erfahrung.
Wie spüre ich mein Handicap? Was fühle ich, wenn ich allein nicht weiterkom-me? Die Mitarbeitenden haben sich im Seminar mit dem Titel „Werde dein ei-gener bärenstarker Pflegeheld und mache deine eigenen Erfahrungen“ eine Woche lang intensiv in Situationen begeben, die unangenehm sind, die verunsichern, die zeigen: So fühlt es sich an. Ziel war es, durch Selbsterfahrungsübungen Empathie zu vertiefen, professionelles Handeln bewusster zu gestalten, die Qualität der Begleitung älterer Menschen zu stärken und die Lebenswelt der Senioren jenseits von Routinen und Zeitdruck noch besser zu verstehen. Die praktische Selbsterfahrung ermöglicht es den Pflegekräften, die emotionale Dimension der Alltagssituationen von Senioren wirklich zu spüren. Das kann Haltung und Verhalten ändern und Empathie stärken.
In verschiedenen Rollenspielen haben sich die Mitarbeitenden beispielsweise die Augen verbunden, sie wurden von einer Kollegin geführt, um zu spüren, was Vertrauen bedeutet. Im Rollstuhl sitzend veränderte sich der Blickwinkel, Wege erschienen länger, Türschwellen wirkten wie Hürden. Beim Essen wurde die Motorik eingeschränkt, nicht immer ging der Löffel dahin, wo er sollte. Der Selbsterfahrungskurs zeigte vor allem, welche Ängste, Unsicherheiten oder Schamgefühle entstehen können. Die Übungen machten deutlich, dass Vulnerabilität und Pflegebedürftigkeit oft als Verletzbarkeit empfunden werden. Wer auf Hilfe angewiesen ist, gibt Autonomie ab. Auch diese Erfahrung sensibilisierte die Pflegekräfte dafür, noch geduldiger, aufmerksamer und einfühlsamer auf die Senioren zuzugehen.
Die Übungen zeigten dem Kursana-Team, dass das unterschiedliche Tempo der Pflegenden und der Senioren entscheidend sein kann. Zum respektvollen Umgang gehört, das Tempo der Senioren zu akzeptieren. Das muss im getak-teten Arbeitstag nicht immer zusätzliche Zeit erfordern, sondern hat Auswirkungen auf die Haltung: nicht hetzen, nicht drängen, nicht ungeduldig werden. Eine Pflegekraft hatte eine passende Metapher im Sinn und sagte: „Es ist schwierig, wenn die Mitarbeiter gefühlt auf der Autobahn fahren und die Bewohner in der Fußgängerzone unterwegs sind.“
Im Seminar haben die Mitarbeitenden auch gelernt, dass es bei Empathie und Mitgefühl Unterschiede gibt. Empathie ist die Fähigkeit, die Gefühle anderer Menschen nachzuempfinden, als wären es die eigenen. Oft heißt es: „Ich fühle, was du fühlst.“ Beim Mitgefühl hingegen geht es eher um Wärme und Fürsorge. Jemand versteht, was andere durchmachen. Die Selbsterfahrung brachte die Erkenntnis, dass Empathie eine Kompetenz ist, die durch Übungen, Reflexion und bewusstes Erleben entwickelt werden kann.

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