Ursula Heitmann geht jeden Tag eine ganze Stunde spazieren. Foto: Th. Häntzschel

 
27.09.2024

Das Gegenteil von lebensmüde

Ursula Heitmann hat schon vor über einem Jahr ihren 100. Geburtstag gefeiert – und sie hat vor, noch etliche weitere zu begehen. Sie wohnt m Kursana-Domizil Greifswald und geht jeden Tag eine Stunde spazieren.

„Ich bin 23 geboren - also 1923“, sagt Ursula Heitmann und lacht. Elegant gekleidet, sitzt sie in ihrem sonnigen Zimmer im Kursana Domizil Greifswald. Erst vor etwa dreieinhalb Jahren zog sie hierher – bis dahin hatte sie in einer eigenen Wohnung in Damgarten gelebt.
Ursula Heitmann stammt aus der Nähe von Barth und wuchs mit drei Geschwistern auf. Ihre Eltern betrieben die örtliche Gastwirtschaft. Sie entschied sich, Kinderkrankenschwester zu werden, und absolvierte ihre Ausbildung in Greifswald – während des 2. Weltkrieges. „Das war eine schwere Zeit“, erinnert sie sich. „Wir haben viel im Luftschutzkeller gesessen. Nach dem Krieg gab es immer weniger Lebensmittel: Wir bekamen morgens einen Kanten Brot, der sollte für den ganzen Tag reichen. Und in der Klinik konnte nicht geheizt werden. Wir haben die Hände der Kinder in Watte gewickelt, damit sie keine Frostbeulen bekamen.“

Ein ganzes Arbeitsleben im Krankenhaus

Später arbeitete sie in der Rostocker Kinderklinik. 1948 heiratete sie in Ribnitz ihren Franz, zwei Jahre später kam die Tochter zur Welt. Nach einiger Zeit stieg Ursula Heitmann wieder in ihren Beruf ein, diesmal im Ribnitzer Krankenhaus. Im Laufe der Jahre qualifizierte sie sich weiter, auch in der Erwachsenen-Krankenpflege.
Zu arbeiten, war für sie immer eine Selbstverständlichkeit. „Ich war so sehr mit meinem Beruf verbunden – ich mochte gar nicht aufhören“, erzählt sie. Dennoch ging sie mit 63 in Rente, also 1986. Denn zu dieser Zeit war ihr Mann schon sehr krank und brauchte ihre Pflege. Als er ein Jahr später starb, begann ein ganz neuer Lebensabschnitt. Sie engagierte sich in der Volkssolidarität, betreute unter anderem Reisen durch ganz Europa. „Zuerst ging es noch gen Osten, also nach Ungarn und in die Tschechoslowakei, danach auch nach Kroatien, Italien und Spanien. So hab ich fast ganz Europa kennengelernt.“

Bewegung als Lebenselixier

Als Ursula Heitmann knapp 90 Jahre alt war, passierte ein Sturz. „Bis dahin war ich Fahrrad gefahren und schwimmen gegangen“, erzählt sie. Aber sie kam wieder auf die Beine. „Ich war immer in Bewegung. Rumsitzen war nie was für mich.“
Das Wichtigste für sie war immer die Familie. Die besteht inzwischen – neben ihrer Tochter und deren Mann – aus zwei Enkeln und drei Urenkeln. Die Verbindung ist eng. „Meine Tochter lebt hier in Greifswald, deshalb bin ich auch hierher gezogen.“
Heute sitzt Ursula Heitmann gern in ihrem Sessel, liest die Zeitung oder schaut fern. „Manches finde ich gar nicht gut, zum Beispiel diese neue Partei, die sich AfD nennt – da kommen zu viele Erinnerungen hoch. So fing das alles schon einmal an, und es wird immer mehr.“     
Insgesamt aber ist sie zufrieden – mit ihrem Leben, wie es war und wie es jetzt ist. „Dafür bin ich dankbar.“
Bis heute kann die Seniorin alles selbst machen und nimmt gern an den Angeboten des Domizils teil. „Wir spielen Rommé, es gibt Musikabende, Vorträge oder Gymnastik. Und dienstags ist Rollator-Tanz.“ Sie lacht wieder.
Bewegung sei die Hauptsache, meint die 101-Jährige. Sie geht jeden Tag eine Stunde lang spazieren – mit ihrem Rollator, aber ohne sich zwischendurch hinzusetzen.
„Ich habe viele Krankheiten hinter mir. In jungen Jahren wäre ich sogar fast einmal für tot erklärt worden. Auch als mein Mann starb, ging es mir nicht gut. Und im Alter hatte ich mehrere Stürze, aber ich bin immer wieder auf die Beine gekommen – weil ich es wollte. Wer es nicht will, wird lebensmüde. Das bin ich ganz und gar nicht – im Gegenteil.“ Früher wollte sie die Entwicklung ihrer Enkel begleiten, heute möchte sie erleben, was aus ihren Urenkeln wird. Die sind zwischen acht und 15 – da bleibt also noch viel Zeit zum Dabeisein.

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