04.06.2026
Blinder Spielmann öffnet die Herzen
Dieser Mann hat Ausdauer! Seit mittlerweile acht Jahren spielt Sylvio Kleindienst (62) im Demenzbereich vom Kursana Domizil Schneeberg. Dabei überwindet er mit Hilfe der Musik Barrieren. Der Ehrenamtler ist blind, die Bewohnerinnen und Bewohner demenziell erkrankt.
Schneeberg. Immer montags zieht Sylvio Kleindienst los. Dann schnappt er sich nach dem Frühstück sein über 50 Jahre altes Akkordeon, verstaut es in einem Rollkoffer und geht ein paar Schritte von seiner Wohnung bis zum Domizil. Den Weg bewältigt er blind. Er kennt jeden Stein, jede Treppe. In seinem Herzen spürt er das angenehme Gefühl, gebraucht zu werden. Das Hallo ist stets groß, wenn er im geschützten Demenzbereich vom Domizil eintrifft. Kurze Zeit später steht er mit seinem himmelblauen Akkordeon, das er Berta nennt, inmitten der Bewohnerinnen und Bewohner und spielt auf. Einen Plan gibt es nicht. Das Lieder-Wohlfühlprogramm stellt der aufgeweckte Sachse spontan nach Lust, Laune und Stimmung zusammen. Und nach Wünschen. Denn kaum hat er Hobbymusiker begonnen, fliegen ihm die musikalischen Sehnsüchte der Bewohnerinnen und Bewohner nur so zu: „An der Nordseeküste“, „Pack die Badehose ein“, „Gück auf“…Sylvio Kleindienst spielt sie alle, die Evergreens und Volkslieder. Eine Stunde lang unterhält er. Da er die Freude des dankbaren Publikums nichts sehen kann, spürt er sie. Ein warmer Händedruck hier, ein tosender Applaus da.
Jedes Konzert ist auch eine Erinnerung an Mutter Gisela. Sie verbrachte vor vielen Jahren ihren Lebensabend in jenem Demenzbereich des Domizils, in dem der Sohn heute spielt. Damals besuchte er fast jeden Tag die Mutter. Manchmal sang er einfach spontan a cappella ein Lied, um Lebensfreude zu spenden. Denn Sylvio Kleindienst ist nicht nur ein begeisterter Akkordeonspieler, sondern auch ein leidenschaftlicher Chorsänger. Seit vier Jahren verstärkt er den traditionsreichen Schneeberger Bergchor. Die Mutter hatte immer ein offenes Ohr für die musikalische Begabung ihres von Geburt an blinden Sohnes. Die Familie schenkte ihm bereits als Kind das Schifferklavier, mit dem er noch heute unterwegs ist. Er brachte sich das Akkordeonspiel selbst bei. „Aber ich will nicht nur zu Hause Musik machen, sondern als Spielmann unterwegs sein, Menschen unterhalten“, beschreibt er seine Botschaft. Nach dem Tod der Mutter kam Sylvio Kleindienst deshalb auf die Idee, weiterhin regelmäßig den Demenzbereich des Domizils zu besuchen und dort mit seinem Schifferklavier für Zerstreuung und Freude zu sorgen, Emotionen auszulösen, Liedtexte bei den Bewohnerinnen und Bewohnern aufzufrischen.
Sylvio Kleindienst spielt ehrenamtlich. „Der Applaus der Bewohner ist für mich der schönste Lohn“, meint er und verspricht, den Seniorinnen und Senioren auch künftig mit seinem Akkordeon Vergnügen zu bereiten.
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