Wenn die Hennen für ein paar Wochen im Garten unterwegs sind, ist am Gehege immer was los. Brigitte Weichel (rechts), Direktorin des Kursana Domizils, ermöglicht einer Bewohnerin ganz langsam ein hautnahes Erlebnis mit einem Huhn.

 
05.05.2026

Hennen bringen Senioren tierisch viel Vergnügen

Wenn die Sonne an diesen warmen Frühlingstagen am blauen Himmel steht, verwandelt sich der Garten des Kursana Domizils in der Schöneweibergasse in einen lebendigen Treffpunkt. Fünf Hühner sind die Stars in der Manege. Die Senioren streuen Salatblätter auf den Rasen und beobachten genau, wie sich das Quintett verhält. Manche berühren das Federvieh auch und freuen sich über das tierische Vergnügen.

Griesheim. Die Hühnerfans, die täglich im Garten am Zaun stehen und die Tieren beobachten, fragten sich rund um Ostern mit einem Augenzwinkern, ob die Hennen vielleicht bunte Eier legen? Nein. Die Eier, die die Senioren morgens im weichen Nest des komfortablen Hühnerstalls fanden, waren weder blau, rot noch grün gefärbt, sondern natürlich braun wie immer. „Manchmal büxen die Hühner aus – unterm Zaun durch, aber sie lassen sich ohne Probleme wieder einfangen“, sagt eine Frau, die sich seit rund vier Jahren im Kursana Domizil zuhause fühlt und von ihrem Fenster aus eine gute Sicht auf das eingezäunte Areal mitten auf dem Rasen hat. Die 91-Jährige kommt gern in den Garten und schaut gemeinsam mit den anderen zu, wie die fünf Hühner sich untereinander verhalten. „Da ist immer was los, Streit gibt es selten.“

Beim Thema Landwirtschaft und Tiere ist Franz Küchler ein alter Hase. Der Blick zu den Hühnern weckt bei ihm Kindheitserinnerungen. „Wir hatten früher Gänse, Hühner und Kühe“, sagt der 88-Jährige, der jahrzehntelang bei Merck im benachbarten Darmstadt gearbeitet hat. Der Griesheimer trägt an diesem sonnigen Tag eine Baseball-Kappe, er greift zu Salatblättern, die aus der Küche geholt wurden, zerreißt diese und bückt sich im Rollstuhl sitzend nach unten, um das Grünzeug auf dem Rasen vor ihm zu verteilen. Schnell kommen Bertha, Blanca, Henrietta, Kokoshka und Mathilda angerannt und pickten den Salt auf. Die Namen haben die Hühner-Verleiher Nurten und Reiner Seibold aus Erzhausen den Tieren gegeben, die sich das Kursana Domizil für ein paar Wochen geliehen hat – sozusagen in Kurzzeitpflege mit Vollpension, Rund-um-Service und einem kreativen Beschäftigungsprogramm.

Alle Hühner werden satt, Futterneid kennen die Tiere nicht, ganz im Gegenteil – sie werden verwöhnt. Manchmal servieren die Senioren dem Quintett – ganz frisch aus dem Gras gezupft – Gänseblümchen und Löwenzahn. Viel öfter werden Körner über den Zaun oder durch das grobmaschige Drahtgeflecht geworfen. Das bringt viel Bewegung in den Stall und sorgt bei den Zaungästen für Aufmerksamkeit und Vergnügen, wenn alle durcheinander laufen und gar nicht wissen, wo sie zuerst picken sollten.

Manche Senioren schauen genau hin und sehen, dass der Schnabel als Allroundwerkzeug genutzt wird. Die Tiere nutzen ihn als Schöpfkelle, da sie Wasser nicht saugen, sondern schlucken müssen. Er stellt auch den Tastsinn dar. Über den Schnabel nimmt das Huhn Größe, Form und Härte des Futters wahr, pickt die Nahrung auf und schluckt sie unzerkaut, denn Bertha und ihre vier Gesellinnen besitzen keine Zähne.

Beim Besuch im Garten gibt es für die Senioren oft etwas zu entdecken. „Und man erfährt immer was Neues“, sagt eine Frau, die es nicht nur wegen der Hühner nach draußen zieht. Das Gehege entwickelt sich zu einem beliebten Treffpunkt, an dem die ältere Generation gern ins Plaudern über Gott und die Welt kommt. Die Hennen und die Gespräche geben Impulse, die Erinnerungen lebendig werden lassen. Es wird viel erzählt, oft in der Biografie geblättert.

Die Reaktionen der Senioren auf die Tiere sind vielschichtig und individuell. Das kennt das Team der Sozialen Betreuung von den Besuchen der Therapiebegleithunde oder des Vierbeiners „Sammy“ von Brigitte Weichel. Der Goldendoodle der Direktorin des Kursana Domizils ist gern gesehener Gast im Foyer und im Garten. Beim Beobachten der Hennen zeigen sich manche Senioren entspannt, andere reagieren mit gesteigerter Lebendigkeit und Mitteilungsfreude. Was alle Reaktionen verbindet, ist die positive Qualität der Begegnung zwischen Mensch und Tier, sie schafft Zufriedenheit.

Bertha & Co sind Brückenbauerinnen. Das zeigt sich vor allem, wenn das Federvieh berührt wird. Einige suchen ganz vorsichtig den Kontakt und streichen sanft über die weichen Federn. Das kostet manchmal Überwindung, kann wie eine Mutprobe sein. Andere greifen selbstbewusst und zielsicher nach einer Henne und präsentieren sie stolz den Nachbarn in der Gruppe: „Wollen sie das Huhn auch mal anfassen“?

Der Spaß mit den Hühnern sorgt für eine gute Stimmung in der Runde. Insbesondere an Demenz erkrankte Bewohnerinnen und Bewohner reagieren im Beisein der Hennen aufmerksamer – manchmal anders als in der Kommunikation mit Menschen. Die Hühner sind ein Türöffner in ihre Welt. 

 

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