Beim Singen mit Antonio Tabatabai können auch demenziell erkrankte Senioren bei bekannten Schlagern aus der Jugendzeit mit einstimmen.
Hamburg-Billstedt. Wenn Antonio Tabatabai (49) im Kursana Domizil Billstedt zur Gitarre greift, geht für die Bewohnerinnen und Bewohner die Sonne auf. Denn es macht nicht nur einen Riesenspaß, gemeinsam den Schlager „Marmor, Stein und Eisen bricht“ zu schmettern und dazu Rasseln und Schellen im Rhythmus zu schwingen. Der Evergreen weckt auch schöne Erinnerungen an die Jugendzeit. „Musik ist der Königsweg, um die Gefühle anzusprechen und bei demenziell erkrankten Menschen Türen zu öffnen“, sagt der ausgebildete Heilerziehungspfleger, der seit fast dreißig Jahren in der Pflege arbeitet und seit zwölf Jahren die soziale Betreuung des Domizils leitet. So haben er und sein achtköpfiges Team bereits erlebt, dass ein Bewohner, der wochenlang nicht sprach, unvermutet bei einem Lied mit einstimmte. Und dass sich eine Bewohnerin, die sich nicht waschen lassen wollte, bei der Pflege entspannen konnte, sobald die Pflegekraft mit ihr am Morgen ihr Lieblingslied sang.
„Herausforderndes Verhalten erfordert tiefergehendes Wissen. Ich wollte lernen, hinter die Fassade der Erkrankung zu blicken, um die wahre Ursache menschlichen Handelns zu begreifen“, sagt Antonio Tabatabai, der gerade die einjährige Weiterbildung zur gerontopsychiatrischen Fachkraft abgeschlossen hat. „Denn wenn Menschen mit Demenz verzweifelt nach ihrer Schultasche suchen oder auf ihre längst verstorbenen Eltern warten, hilft kein logisches Argumentieren. Da braucht man als Pflegender eine Bandbreite an Methoden und eine Menge Kreativität, um die Betroffenen in ihrer eigenen Realität abzuholen und ihnen mehr Sicherheit geben zu können.“
Die Gefühle der Erkrankten ernst nehmen
Angesichts der alternden Gesellschaft mit aktuell über 1,8 Millionen demenziell Erkrankten und jährlich rund 400.000 Neuerkrankungen steigt der Bedarf an spezialisierten Pflegekräften stetig an. Da der Anteil von Senioren mit Demenzdiagnose oder einer demenziellen Entwicklung in vielen Pflegeeinrichtungen mittlerweile bei über 70 Prozent liegt, sind Multiplikatoren, die ihr Fachwissen im Team weitergeben können, gefragt. Die Qualifizierung zur gerontopsychiatrischen Fachkraft richtet sich an ausgebildete Pflegefachkräfte mit Berufserfahrung und befähigt sie, psychiatrische Erkrankungen von Senioren wie Demenz, Altersdepression, Angststörungen und Suchterkrankungen frühzeitig zu erkennen und maßgeschneiderte Pflege- und Beschäftigungsangebote zu entwickeln.
„Da die Betroffenen im fortgeschrittenen Stadium der Erkrankung nicht über ihre Bedürfnisse sprechen können, müssen die Fachkräfte diese allein aus dem Verhalten entschlüsseln können“, erläutert Pflegewissenschaftler Christian Precht. „Diese Arbeit setzt voraus, dass sie die Gefühle der Erkrankten ernst nehmen und sich nicht durch herausforderndes Verhalten triggern lassen.“
Die Angehörigen mit ins Boot holen
Im Kursana Domizil Billstedt wird eine personenzentrierte Pflege, bei der statt der Diagnose der Mensch mit seinen Ressourcen im Vordergrund steht, bereits gelebt. In Fallbesprechungen beleuchten Mitarbeitende herausforderndes Verhalten aus unterschiedlichen Perspektiven und entwickeln Ideen, wie ihm zu begegnen ist. „Oft ist das Verhalten ein Ausdruck von Desorientierung und einem diffusen Gefühl, etwas zu vermissen“, sagt Antonio Tabatabai. „Ich versuche dann, den Menschen sanft zu spiegeln, um Zugang zu seiner Welt zu bekommen.“ Bei einem Bewohner, der durch Lautieren und lautes Klopfen auf dem Tisch den Pflegealltag störte, setzte er sich dazu und begann ebenfalls, leise zu klopfen. Nach einer Weile fanden beide denselben Rhythmus, der grimmige Gesichtsausdruck des Bewohners löste sich allmählich, er nahm Blickkontakt auf und begann zu lächeln.
Längst ist erwiesen, dass eine menschenbezogene Pflege den Einsatz von Beruhigungsmitteln reduzieren kann und die gezielte Förderung von motorischen, kognitiven und sozialen Fähigkeiten ermöglicht, die Ressourcen von Erkrankten zu stärken. Gerontopsychiatrische ausgebildete Pflegekräfte lernen auch, Angehörigen fachkundig zu beraten und ihnen neue Beziehungswege zum demenziell Erkrankten zu ebnen. Aus diesen Kontakten können sie biographische Daten gewinnen, die der Schlüssel zu mehr Lebensqualität für den Betroffenen sein können. Antonio Tabatabai hat bereits erlebt, dass dadurch bei einer Erkrankten die angedachte Einweisung in die Psychiatrie verhindert werden konnte. „Eine demenziell erkrankte Bewohnerin hat große Mengen von Hygieneartikeln in ihrem Zimmer gehortet“, erzählt er. „Als ehemalige Leiterin einer Pflegeeinrichtung war ihr früher die Bevorratung von Pflegeprodukten wichtig. Indem sie uns gelegentlich bei der Verteilung von Handschuhen und Pflegeartikeln im Haus unterstützen durfte, konnte sie wieder mehr zur Ruhe kommen.“
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